Im kurdischen Siedlungsgebiet von Syrien, auch als Rojava bezeichnet, konnte sich auf Grundlage von weitgehender Autonomie in den vergangenen Jahren ein fortschrittliches Gesellschaftsmodell entwickeln. Die Verwaltung aller Alltagsstrukturen findet auf basisdemokratischer Ebene statt. Eine zentralistische Regierung gibt es nicht, Entscheidungen werden selbstbestimmt und von unten gefällt. Es besteht eine Quote von 40% für Frauen* in der Verwaltung. Weiter organisieren sich viele Frauen* in autonomen Strukturen, wie zum Beispiel in Frauenzentren und in den „Frauenverteidigungseinheiten“ (YPJ). Ebenfalls ist der Kampf gegen die Diskriminierung von homosexuellen und trans*-Menschen erklärtes Ziel. Somit ist es nicht verwunderlich, dass die Region Anlaufpunkt für Menschen ist, die aus ethnischen, politischen oder religösen Motiven verfolgt werden. Auch ihnen ist dank der paritätischen Besetzung von Gremien Mitbestimmung garantiert.

 

Doch dieses in der Region einmalige Projekt ist momentan akut bedroht. Die Milizen des Islamischen Staates (IS) haben große Teil des zentralen Kantons von Rojava erobert und stehen nun direkt vor der Stadt Kobane, der letzten verbliebenen Exklave in diesem Gebiet. Sollte die Stadt fallen, wird der IS auch die verbliebenen Kantone von Rojava verstärkt attackieren. Es drohen also weitere Massaker des IS und der Niedergang des progressiven Projekts in Rojava. Die Kämpfer*innen der Selbstverteidungskräfte Rojavas (YPG) versuchen dem Ansturm die bestmögliche Gegenwehr entgegen zu setzen, doch ihr Erfolg ist ungewiss. Denn während die IS-Milizen auf modernes und schweres Gerät zurückgreifen können, müssen sich YPG/YPJ mit veralteten Waffen begnügen. Auch die Luftschläge der US-Streitkräfte können dieses Missverhältnis nicht ausgleichen, während der Nachbarstaat Türkei die Verteidigungsbemühungen offen sabotiert.

Für uns sind die dramatischen Ereignisse in Kobane ein Weckruf zur Solidarität. Diese sollte insbesondere für die Aktivist*innen in Rojava auf Grund ihrer schwierigen Lage gelten, schließt aber auch die anderen progressiven Kräfte in der Region mit ein. Wir stehen der Politik der kurdischen Befreiungsbewegung zwar nicht völlig unkritisch gegenüber, finden aber, dass es ihr gelungen ist aus den Fehlern ihrer politischen Vergangenheit zu lernen und in den letzten Jahren eine fortschrittliche Perspektive zu erarbeiten. Pauschale Ablehnung und das damit verbundene Wegschauen ist in der derzeitigen Situation für uns einfach völlig unangemessen.

Die akute Situation macht es jedoch vor allem nötig, dass sich unsere Solidarität nicht nur durch zahnlose Symbolik auszeichnet, sondern praktisch wird. Wir rufen deshalb dazu auf, sich jetzt solidarisch zu zeigen und die Aktivist*innen in Rojava auch mittels Geldspenden zu unterstützen. Explizit schließen wir dabei mit ein, dass die Mittel auch zum Kauf von Waffen und Munition verwendet werden können. Unser grundsätzlicher Antimilitarismus darf angesichts legitimer Selbstverteidungsbemühungen nicht dazu führen, dass wir diese notwendige Form der Hilfe verweigern.

Spendet für die Verteidigung des emanzipatorischen Gesellschaftsentwurf in Rojava! Hoch die internationale Solidarität!

Infos: Waffen für die YPG/YPJ / Initiative Solidarität mit Rojava / Humanitäre Nothilfe