Anfang der Neunziger kam es, angefeuert durch den Nach-Wende-Nationalismus, zu einem rasanten erstarken der deutschen Naziszene in Ost und West. Einig mit der Stimmungsmache gegen das Asylrecht entbrannte eine von den wesentlichen deutschen Zeitungen mitgetragene rassistische Stimmung, in der sich die Nazis als „Vollstrecker des Volkswillen“ fühlen konnten. In vielen deutschen Köpfen war „das Boot voll“ und in den ganz verwirrten schien ein „4. Reich“ zum Greifen nahe. Was von vielen Linken und im Ausland als Albtraum befürchtet wurde, wurde hier zur Zukunftsvision. Fast täglich wurden Menschen aus rassistischen Motiven angegriffen, Nazis traten immer offener und offensiver in Erscheinung und spielten sich vielerorts als lokale Bürgerwehr auf. Bundesweit kam es zu Brandanschlägen auf Asylbewerber_innenheime und Wohnungen von Migrant_innen. Nachdem es in Hoyerswerda¹ und Mannheim-Schönau² schon zu Pogromen* gekommen war, eskalierte die Situation in Rostock-Lichtenhagen zum Höhepunkt dieser Entwicklung, zumindest was mediale Aufmerksamkeit und politische Relevanz betrifft.


Der nachfolgende Artikel erschien in 19ten Ausgabe der Rosen auf den Weg gestreut

Die Bilder vom brennenden „Sonnenblumenhaus“ gingen im August 1992 um die Welt. Doch wie war es soweit gekommen?

In Lichtenhagen, einem Plattenbauviertel in Rostock, befand sich im „Sonnenblumenhaus“, einem Mehrstöckigen Plattenbau, die Zentrale Aufnahmestelle (ZaST) für Asylsuchende in Mecklenburg-Vorpommern. Außerdem war es das Wohnhaus von Vietnames_innen, die als sogenannte Vertragsarbeiter_innen in die DDR gekommen waren. Die Funktion der ZaST war es, ankommende Asylbewerber_innen aufzunehmen und dann auf die anderen Heime des Bundeslandes zu verteilen.
In den Wochen vor dem Pogrom setzte diese Weiterverteilung aus. Die offizielle Begründung waren Kompetenzstreitigkeiten zwischen Land und Stadt, sowie allgemeine Überbelastung.
Die Folgen für die Asylsuchenden (vor allem aus Rumänien) waren eine humanitäre Katastrophe. Dutzende Familien und Einzelpersonen mussten im Freien vor dem ZaST kampieren, ohne Toiletten, Waschmöglichkeiten oder anderen sanitären Anlagen. Oft waren diese auch von ärztlicher Versorgung ausgeschlossen, bekamen tagelang kein Geld oder Essensmarken.
Von weiten Teilen der Bevölkerung wurde den Betroffenen selbst die Schuld an ihrer Situation gegeben.Gepaart mit dem verhetzenden Zerrbild, das durch die Zeitungen, Fernseher und Statements höchster Politiker_innen geisterte sowie angestachelt durch angereiste Nazi-Kader, spitzte sich die Situation immer mehr zu.

Drei Tage in Rostock

(Sa. 22.- Mo. 24.8.92)

Am Freitag vor dem Pogrom kündigt ein anonymer Anrufer im Namen einer „Bürgerbewegung“ bei der lokalen „Ostsee Zeitung“ an, Samstag Nacht „Ordnung schaffen“ zu wollen. Die Bürger_innen Lichtenhagens werden aufgerufen „das Asylproblem... selbst in die Hand zu nehmen“, es wird gedroht: „am Abend werden wir alle auf die Straße gehen, die Roma werden aufgeklatscht“. Obwohl es schon in der vorherigen Nacht zu vereinzelten Angriffen auf die ZaST gekommen war, reicht das der Rostocker Polizei nicht, um auch nur eine gewisse Alarmbereitschaft an den Tag zu legen. Im Gegenteil, die einzigen Wasserwerfer des Bundeslandes wurden von Rostock nach Schwerin (eine Auto-Stunde entfernt) verlegt.
Am Samstag kommt es zu einer Demonstration von ungefähr 500 Nazis „gegen das deutsche Ausländergesetz / Asylgesetz“. Um die 100 von ihnen greifen nach Ende der Demonstration die ZaST an. Die hundert anwesenden Polizisten halten sich zurück, allerdings gelingt es den Heimbewohner_innen, sich selbst zu verteidigen und die Angreifer zurück zu schlagen.
Am Abend wiederholt sich das ganze mit einem Mob aus 500 Nazis und Rassisten, die von mehr als 1500 Anwohner_innen angefeuert und beklatscht werden. Die Bullen sind nicht in der Lage, es mit dem Mob aufzunehmen und verhalten sich defensiv. Den Heimbewohner_innen bleibt nichts anderes übrig als im Haus abzuwarten, während ihre Scheiben eingeworfen werden und der Mob „Deutschland den Deutschen! Ausländer raus!“ skandiert.
Sonntags wiederholen sich die Ereignisse des Vorabends, die Stimmung wird von Augenzeug_innen als „volksfestartig“ beschrieben.
 „Was die Polizei nicht schafft, das schaffen sie. Sie schlagen die Krawallmacher in die Flucht. Und doch richten sich die polizeilichen Maßnahmen nun gegen sie.“ So kommentiert der NDR die Versuche lokaler und angereister Antifas, die Nazis wenigstens ein Stück weit zurück zu schlagen. Die Bullen nehmen 120 von ihnen fest.

Und kein Ende in Sicht


Am Montag danach verkündet der Innenminister Mecklenburg-Vorpommerns Lothar Kupfer, dass das Heim am 1.9. geschlossen wird. Er gibt also dem Mob nach und erklärt überdies, dass er es „unmöglich“ fände, „daß deutsche Polizisten gegen Deutsche eingesetzt werden, um Ausländer zu schützen“. Die Asylbewerber_innen werden abtransportiert und in andere Heime gebracht. Den im Haus verbleibenden Vietnames_innen wird geraten, sie sollen so tun, als ob sie nicht da wären, das Licht auslassen, die Vorhänge schließen.
Dieser Plan geht nicht auf. Die Rechten samt ihrer Beifall klatschenden Fangemeinde sind wieder vor Ort. Der Erfolg und die zustimmenden Worte aus Politik und Medien haben die rassistische Meute nur noch bestätigt und ermutigt. Wieder fliegen Steine, Flaschen und Brandsätze. Doch diesmal reicht das den Angreifern nicht mehr. Sie dringen in die unteren Stockwerke ein und setzen diese in Brand. Die Menge applaudiert. Die Bullen haben Schichtwechsel. Ein ZDF-Filmteam, dem es gelungen ist, ins Haus zu gelangen, versucht die Polizei zu erreichen: Es geht niemand ans Telefon. Gemeinsam mit den über hundert Vietnames_innen, die sich noch im Haus befinden, flüchten sie unter immenser Rauchentwicklung und in stromausfallbedingter Dunkelheit aufs Dach und von dort in den Hausflur eines benachbarten Gebäudes. Erst in den Morgenstunden werden sie in Sicherheit gebracht, in eine  [verfickte] Turnhalle, die sie erstmal nicht verlassen dürfen. Während ihre deutschen Nachbar_innen als Entschädigung für die Ereignisse einen Monat mietfrei wohnen dürfen, haben sie danach mit ihrer drohenden Abschiebung zu kämpfen.

Was bleibt?

Nach dem Pogrom kam es vor allem zu einem: Verständnis. Verständnis für die Täter. Von der Bild-Zeitung bis zum „Neuen Deutschland“ kamen Anwohner_innen zu Wort, die die Schuld den Politikern „,die  hätten verhindern müssen, daß so viele Fremde herkommen“(Neues Deutschland), vor allem aber den Roma, „zu deutsch Zigeuner“(damaliger CDU-Vize Rehberge) zuschoben. Diesen wurde vorgeworfen, sie seien „unzivilisiert und unzumutbar“(Welt am Sonntag). Und das  von Leuten die kurz zuvor sehr eindrücklich bewiesen hatten, was Zivilisation für sie bedeutet, nämlich zu klatschen oder selber Hand anzulegen, wenn versucht wird Menschen anzuzünden.

Wenn in den staatstragenden politischen Kreisen wirklich etwas bedauert wurde, war es nur das „schlechte Ansehen im Ausland“ (Helmut Kohl), nicht die Menschen, die von dem Pogrom betroffen waren. Die über 10.000 Antifaschist_innen, die am Wochenende nach dem Pogrom in Rostock demonstrierten, wurden mit einem massiven Polizeiaufgebot bedacht und in vielen Zeitungen unter den Motti „Alles Krawall“ (Neues Deutschland), „Alle … Randalierer“(F.A.Z.) mit den Nazis gleichgesetzt.

Später wird das Pogrom von Rostock das entscheidende Argument sein, das die SPD zum Einknicken bei der Debatte um das Asylrechts bringt. Die Nazi-Forderung vom „Ausländerstopp“  wird umgesetzt. Das Recht auf Asyl, das immerhin ein Vermächtnis der vielen Menschen war, die aus Nazideutschland fliehen und Asyl in anderen Ländern suchen mussten, wird faktisch abgeschafft**. Der rechte Terror wird weiter gehen und von der „Wende“ bis heute mindestens 189 Menschen das Leben kosten.

Fußnoten:

1) Vom 17. bis zum 23.9.91 griffen in Hoyerswerda bis zu 500 Nazis und Anwohner_innen erst ein  „Vertragsarbeiterwohnhaus“ und später dann ein Flüchltlingsheim mit Steinen, Flaschen und Molotov-Cocktails an. Die meisten der angegriffenen sogenannten Vertragsarbeiter_innen wurden daraufhin abgeschoben. (pogrom91.tumblr.com)

2)Vom 28.5. bis zum 2.6.92 wurde das Asylbewerber_innenheim in Mannheim-Schönau von bis zu 400 rassistischen Deutschen regelrecht belagert, die die Scheiben einwarfen und rassistische Parolen skandierten. (Beitrag zu „Pogrom auf der Mannheimer Schönau am Vatertag 1992“ auf freie-radios.net)