Einmal feierten wir während des Plenums in den Geburtstag eines Freundes und geliebten Genossen rein. Um zwölf Uhr wurden ein paar Bier geöffnet (ich hoffe es war kein Sterni), kurz gratuliert und im Anschluss mussten wichtige Entscheidungen getroffen werden. Irgendwas mit Silvio Meier bestimmt. Das Plenum ging auf jeden Fall noch eine Weile. Schade. Sekt und durchgeknallte Plenumsbeschlüsse wären eine bessere Anekdote und einem Geburtstag bestimmt angemessener gewesen.

Ihr seht also eigentlich ist das Ganze gar nicht mal so unser Style. Wir werden alle älter. Wir sind weniger flexibel. Dabei hatten wir uns doch einmal geschworen, niemals so zu werden. Seit ungefähr fünf Jahren gibt es uns nun schon als Autonome Antifa Berlin. Der Weg bis hier hin ist voller schöner Erinnerungen. Mit Erfolgen und Niederlagen gesät, voller Widersprüche und Enttäuschungen. Anspruch und Wirklichkeit gingen immer wieder in verschiedene Richtungen. Lange Nächte und nicht enden wollende Diskussionen durchziehen die Zeit. Trotz alledem, ein fünfjähriger Geburtstag ist irgendwie ein Grund zum Feiern. Dazu gehört es auch ein Paar Worte an euch zu richten.

Jetzt folgt eine klassische Überleitung.

Um uns herum die täglichen Schweinereien, das tägliche Schuften, die Widersprüchlichkeit unseres Lebens... Das millionenfache Unglück von Menschen. Das tägliche Sterben und die arrogante Mentalität der kapitalistischen Metropole. Es liegt schon weit mehr als zehn Jahre zurück, als die meisten der hier Anwesenden beschlossen dem nicht mehr tatenlos zuzusehen. Wir schmiedeten große Pläne, schlugen uns die Nächte um die Ohren und hatten Großes vor. Wir träumten von einer Welt, in der wir uns als Menschen gemeinsam organisieren, um ein glückliches Leben für alle zu realisieren. Wir träumten von einer Zukunft, in der wir unsere eigene Widersprüchlichkeit überwunden und den Verhältnissen die Stirn geboten hatten. Ich glaube wir nannten es Revolution.
 
Nicht nur weil wir dies als Teil von Antifa in Berlin taten, stehen wir nun an einem Scheideweg. Antifa war lange Zeit ein sehr passendes Organisationsmodell für unsere Träume – auch wenn sich Träume wohl nicht organisieren lassen. Wir waren eine Subkultur, ein Freundeskreis und irgendwie auch etwas dazwischen - nämlich eine Politgruppe. Es entstanden Freundschaften, Strukturen Beziehungen, Bezugsgruppen und eben auch die Autonome Antifa Berlin. Einige dieser Bindungen haben die Zeit überdauert, andere nicht. Wir als Gruppe und als Individuen müssen unser Verhältnis zwischen Anspruch und Realität eben ständig auf den Prüfstand stellen.. Das ist uns als Gruppe und als dessen Akteur_innen leider nicht immer gelungen. Der Wandel der Berliner Szene und der neuen Bezugspunkte und Organisationsmodelle in Berlin und der BRD macht die Suche nach einem sinngebenden Verhältnis dazwischen für uns immer schwieriger.
Doch das kann es nicht gewesen sein. Es gibt zahlreiche Individuen, Strukturen und Gruppen in Berlin, die den Traum weiter träumen. Auch wir haben nicht resigniert. Nicht, weil wir es bis hier her geschafft haben, sondern weil es da draußen eine Welt zu gewinnen gibt. Mit dir, mit euch, mit anderen.
 
Und darum geht es auch: das zu tun was wir können, mit der Zeit die wir haben! Heute, Morgen und auch Übermorgen! Danke euch allen! Es war uns wichtig dass hier so zu sagen. Da das jetzt aber alles eher Trocken und nach einer Abschiedsrede klingt, brauchen wir natürlich noch ein paar auflockernde Worte. So eine Art Jugendaufruf. Jede_r von euch hat sein eigenes Bild von uns. Das ist auch richtig so. Daran sind wir selbst Schuld. Die zahlreichen Silvio Meier Plenas, die wir durch unsere Art durcheinander gebracht haben, unsere Plakatentwürfe, unsere ganz eigene Art Sachen anzugehen und das Missverhältnis zwischen Anspruch und Wirklichkeit und unsere „Fehden“ mit diversen anderen Gruppen haben uns mit einem gutem Ruf beschenkt.
Wir sind die, die nichts machen. Wir sind die, die nervige Positionen vertreten, wo keine_r weiß, wie sie in der Wirklichkeit aussehen sollen. Wir sind die mit der lustigen Abkürzung, die bloß nicht aab sein darf. Wir sind die, die viele Sachen nicht labeln wollen. Wir sind die, die diesen komischen Samstagstresen in der Schreina machen. Wir sind die, die Sachen einfach machen, auch wenn sie schlecht vorbereitet sind. Wir sind die, bei denen keine_r – nicht mal unsere Gruppenmitglieder – weiß, was wir gerade machen. Wir sind die mit den Aufklebern, wo der Name, wenn keine_r zusieht, abgekratzt wird.
Ja, wir sind die a2b, wir sind schräg – das sagen wir selbst. Danke, dass ihr trotzdem gekommen seid. Danke, dass ihr da ward - mit Kritik und Lob. Dass ihr euch gedacht habt, „sollen die mal machen“ oder „Jetzt gehen die zu weit!“. Schön, dass ihr gekommen seid. Nun lasst uns feiern. Nicht unser Label. Sondern das Leben!
Lasst uns gemeinsam weiter träumen!

Auf euch ihr Lieben!